Künstlerisch-forschende Praxis

Meine künstlerisch-forschende Praxis zeichnet sich durch eine hybride Arbeitsweise aus, sprich einer wissenschaftlich-theoretischen und einer künstlerisch-praktischen. Mein Ziel hierbei ist neues Wissen zu generieren, das sich eher an den bisher unerforschten Rändern meines Untersuchungsgegenstandes aufhält.

Meinem Verständnis von künstlerischer Forschung entsprechend, arbeite ich im wissenschaftlichen Bereich diskursiv und interdisziplinär. Im künstlerisch-bildgebenden Bereich verwende ich seriellen Methoden, inkludiere Untersuchungen des Mediums und Materials und reflektiere den Prozess. Es geht mir nicht darum einzelne Kunstwerke zu kreieren, sondern den Blick auf das Unerforschte innerhalb von unterschiedlichen Zuordnungen und Präsentationsformaten zu richten.

 

In diesem Sinne forsche ich zur Zeit über die (fotografische) Sichtbarkeit bzw. Materialisierung von Strahlung, insbesondere von Radioaktivität. Die Amalgamierung von wissenschaftlichem Schreiben und künstlerisch-praktischer Arbeit inkludiert meine Aufenthalte auf dem Gelände, sowie meine themenbezogenen Recherche in den entsprechenden Archiven.

 

Der Trinity-Index

Meine künstlerisch-forschende Dissertation Der Trinity-Index. Radioaktive Kontamination und ihre fotografische Sichtbarkeit (2020) entstand im Rahmen des Graduiertenkollegs Ästhetiken des Virtuellen (2015-2017, HFBK Hamburg). Hierin begann ich die fotografische Sichtbarkeit der Radioaktivität des weltweit ersten Atombombentests, namentlich dem Trinity-Test, zu erforschen. Die Arbeit ist geprägt von der kulturhistorischen Suche nach dem (fotografischen) Umgang mit Radioaktivität und der Frage nach seiner fotografischen Einschreibung.

In dem naturwissenschaftlichen Teil meines Themas beziehe ich mich auf den Mikrobiologen und Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger und auf Überlegungen zum (naturwissenschaftlichen) Experiment inklusive der entsprechenden Laborsituation. Hierbei wird die Annahme bestätigt, dass die Forschenden nicht in Gänze Kontrolle über den Forschungsprozess haben. Kurz gefasst, erlauben diese Überlegungen eine Auflösung der Trennung von Subjekt und Objekt, und bestätigen, dass es keine rein objektive Forschung gibt. Ergänzend wird deutlich, dass der Forschungsprozess stark von Unvorhersehbarkeiten und Zufällen geprägt ist, sowie dem Eigensinn des Materials unterliegt. Die Philosophin und Physikerin Karen Barad gibt meinem Nachdenken über die Materialisierung von Strahlung wichtige Impulse mit der Theorie des Agentiellen, die ich in der Verknüpfung mit dem Indexikalischen (nach Charles Sanders Pierce) als Agentiellen Index in den spurentheoretischen (fotografischen) Kontext übertrage.

 

Gemäß meiner theoriebasierten Überlegungen halte ich folgende vergleichende Schlussfolgerungen mit Blick auf den Prozess für wichtig  bzw. fruchtbar: a) Selbst in der Wissenschaft gibt es keine reine Objektivität. b) Das Experiment ist von Zufällen und sogenannten Fehlern gespeist. c) Die Forschenden / die Kunstschaffenden kennen nur bedingt ihr Ziel und wissen nur zum Teil was sie tun. d) Der Forschungsprozess und die Forschenden / Kunstschaffenden sind Teil des Forschungsergebnisses.

Diese Punkte betonen die Ähnlichkeit von wissenschaftlichen und künstlerischen Prozessen bzw. lassen die jeweiligen Herangehensweisen neu überdenken. Wichtig hierbei erscheint mir, dass innerhalb des künstlerischen Forschens der Prozess in den Vordergrund der künstlerischen Arbeit gerückt wird - und weniger das Ergebnis. Denn der künstlerische Prozess hat in Bezug auf die Bewusstmachung der Umsetzung  (welche Entscheidungen habe ich wann und warum getroffen), neben Überlegungen zum Medium (hier die Fotografie) und zur Materialität, eine wichtige Bedeutung, inkludiert man die Reflexion der künstlerischen Zeugenschaft (in Anlehnung an den Begriff situated knowledge von Donna Haraway). Vereinfachend kann resümiert werden, dass forschende Kunst Wissen generiert, bei dem das zu Erforschende sich im prozessualen Wechselspiel zwischen dem Wort und der Bildlichkeit befindet, die sich gegenseitig Übersetzungshilfe leisten. (Siehe hierzu Der Trinity-Index in der Menüleiste.)